Kurzgeschichte: Hunger:Tod

Hunger:Tod
Hunger:Tod Diesen Kurzkrimi habe ich unter Zuhilfenahme von Motiven meines ersten Romans "Hexenturm" geschrieben.

Sonntag, 3.Februar 1546, Jülich

Der Mann drückte sich in den Schatten, den die Hauswand hinter seinem Rücken warf. Warum musste der Mond auch ausgerechnet heute so helles Licht auf die Stadt werfen! Er hatte entfernte Schritte gehört, und er hoffte, dass es sich nicht um den Nachtwächter handelte, der in der Stadt des Nachts seine Runden ging. Er hoffte, nein, er betete zu Gott im Himmel, dass es sich nur um einen betrunkenen Knecht handelte, der randvoll mit Bier von der nahen Schenke zu seinem Bett unterwegs war. Die Schritte näherten sich, wurden lauter. Er konnte den Klang der Schuhe hören, wie sie auf dem festen Lehmboden auftraten, und hin und wieder vernahm man ein leises Platschen, wenn der nächtliche Spaziergänger in eine Pfütze trat. Der Mann drückte sich noch ein wenig fester in den Schatten der Mauer. Schweiß stand ihm trotz der kalten Witterung auf der Stirn. Aber dieses Mal war das Glück auf seiner Seite. Die Schritte wurden nun wieder leiser und entfernten sich in Richtung zur Pfarrkirche hin, um dann vollends zu verstummen. Es war wieder völlig still in der Stadt. Der Mann atmete erleichtert auf.

Der Mann hieß Jacop. Er war ein Dieb. Nicht die üble Sorte Dieb natürlich, wie diejenigen, die in der Nähe der Geleitstraßen ihr Unwesen trieben und plündernd und mordend durch die Lande zogen. Jacop verabscheute Gewalt. Und er war nicht freiwillig zum Dieb geworden. Er stahl aus purer Not, und er nahm seinen Opfern auch keine Wertgegenstände ab. Er stahl nie Geld. Nur Lebensmittel für sich und seine Familie. Heute stahl er Fleisch, da die Rauchfänge der wohlhabenden Bürger in diesen Tagen voller wunderbarer Fleischstücke hingen. Jacop lief allein beim Gedanken an das Fleisch das Wasser im Mund zusammen, und er rieb sich unbewusst die rußgeschwärzten Hände. Erfreute sich schon auf die Beute, die er in dieser Nacht zu machen hoffte. Er hatte sich sein Gesicht und die Hände mit Ruß eingerieben, um im Schutze der Dunkelheit möglichst unsichtbar zu bleiben. Drei Fleischbrocken befanden sich nun schon in dem groben Leinensack, den sich Jacop auf den Rücken gebunden hatte, aber ein oder zwei weitere Stücke würde er noch brauchen, um seine Familie satt zu bekommen. Und so schlich er sich leise durch die Dunkelheit. Sein Ziel war der Rauchfang der Eheleute Carl und Anna Goddert. Die hatten immer genug zu essen. Reich, wie sie waren.

Ganz im Gegensatz zu Jacop. Er war bettelarm. Das war nicht immer so. Noch vor drei Jahren, also im Jahre des Herrn 1543, war Jacop ein Bauer, der im nahen Gelderland in dem kleinen Ort Ammerzoden bei Utrecht einen bescheidenen Hof bewirtschaftete. Eigentlich war es nur eine Lehmhütte mit Strohdach und einem hölzernen Stall, der das Vieh beherbergte. Sein Lehnsherr war damals Herzog Wilhelm V. von Jülich, Kleve, Berg, Mark und Ravensberg. Jacop war zufrieden mit seinem Leben im Herzogtum. Die Abgaben, die er abzutreten verpflichtet war, hielten sich in Grenzen, und der Hof warf genug ab, um ihm und seiner Familie ein sorgenfreies Leben zu ermöglichen.
Seine Familie, das waren seine Frau Magdalena und seine vier Kinder, Josef, Gabriel, Willibrord und Franziska. Seine Söhne waren fünf, drei und zwei Jahre alt, und trotz der bitteren Armut kerngesund. Und dann war da noch Franziska. Sein Nesthäkchen, seine Prinzessin und Augenstern. Sie war erst vier Monate alt. Wenigstens für sie musste er noch nicht stehlen. Ihr genügte, was Magdalena in ihren wundervollen Brüsten trug. Damals hätte er sich niemals vorstellen können, dieses kleine Paradies verlassen zu müssen. Aber es kam alles anders.

Sein Herr, Herzog Wilhelm V. von Jülich, konnte trotz all seiner Macht die Ansprüche auf seine geldrischen Besitztümer nicht halten. Kaiser Karl V., ein Habsburger, meldete ebenfalls Ansprüche auf Geldern an, und in der fürchterlichen Schlacht um Düren anno 1543 errang der Kaiser einen eindeutigen Sieg über den Herzog. Dieser war nun gezwungen, den „Vertrag von Venlo“ zu unterzeichnen, in welchem er seine geldrischen Ansprüche vollständig an Kaiser Karl übertragen musste, und so kam es zum Kniefall des Herzogs vor dem Kaiser. Damit war für Jacop und seine Familie das ruhige Bauernleben vorbei, denn schon kurz nach der Schlacht von Düren machten sich die Habsburger im Gelderland breit, und sein wundervoller Hof wurde mitsamt Haus und Tieren annektiert und einer Habsburgersippe zugesprochen. Jacop wurde mit seiner Frau Magdalena und seinen damals noch zwei Kindern Josef und Gabriel vertrieben. Wie Vieh wurden sie behandelt, man prügelte sie mit Stöcken von ihrem Land, und sie mussten sich der Übermacht der neuen Besitzer ergeben und fliehen.

Jacop machte sich damals auf den langen und beschwerlichen Weg nach dem fernen Pfungstadt, denn dort lebte sein Bruder Arthur mit seiner Familie. Arthur hatte sich schon früh von den gemeinsamen Eltern losgesagt, und sein Glück in Pfungstadt gesucht. Er betätigte sich dort als Müller und betrieb eine Wassermühle an der Modau, die durch die kleine, stolze Stadt floss. Als Jacop nach Wochen beschwerlichen Marsches mit den seinen völlig entkräftet in Pfungstadt eintraf, erwartete ihn dort allerdings eine böse Überraschung. Arthur lebte nicht mehr. Ein Fieber hatte ihn dahingerafft, gerade wenige Tage vor seinem Eintreffen. Die Mühle und sein Hab und Gut, welches sich in ihr befand, wurden nach Abzug eines Zehnts für die Obrigkeit an Arthurs Weib vergeben. Jacop bat Christina, so hieß die Witwe, ihm und seiner Familie Obdach zu geben, und dingte sich als Aushilfe für die Mühle an. Christina lachte ihn nur aus, und verjagte ihn mitsamt seiner hungernden Familie von ihrem Land. Garstiges Weib!, durchfuhr es ihn damals wie heute. Er hätte es ihr damals am Liebsten in ihr feistes Gesicht geschrien, aber aus Rücksicht auf ihre Situation hatte er es unterlassen, war doch erst Tage vorher ihr Mann gestorben. Dieses Weib machte seinem Namen wahrlich keine Ehre! Christina hatte für die Bewohner des Herzogtums Jülich eine ganz besondere Bedeutung, beherbergte der Herzog doch auf dem Grund und Boden seiner ehemaligen Residenz, Burg Nideggen, die Gebeine der Christina von Stommeln, die vom Volke wie eine Heilige verehrt wurde. Bevor Jacop Pfungstadt verließ, kehrte er mit seiner Familie in einer Herberge ein, um vor der vor ihm liegenden Reise eine Stärkung zu sich zu nehmen. Die freundlich-dicke Wirtin, deren Namen Jacop längst entfallen war, brachte ihnen einen deftig gewürzten Brei von gekochtem Weizen und Rüben, und dazu einige Scheiben einer gebratenen Wurst, wie er sie noch nie zuvor verzehrt hatte. Welch ein Genuss! Diese Wurst war weicher als jede Wurst, die er zuvor gekostet hatte, und der Geschmack! Ihm fehlten noch heute die richtigen Worte, wenn er an diese Schlemmerei dachte. Als er die Wirtin fragte, was für eine lukullische Offenbarung sie ihm und den seinen dort kredenzt hatte, lachte diese ihn freundlich an und antwortete: "Werter Herr, da seid ihr mit den euren aber ziemlich einsam in den hiesigen Gefilden, wenn ihr nicht den Namen dieser Köstlichkeit kennt! Aber da ihr eure Zeche bereits gezahlt habt, und ein angenehmer Gast wart, will ich euch helfen, diese Wissenslücke zu schließen. Es war die bekannte und allseits beliebte Blutwurst, deren Geschmack weit über ihre Zutaten erhaben ist. Sie wird aus fein gehackter Schweineschwarte und frischem Blut gemacht. Auch Würfel von fettem Speck, gepökeltem Fleisch, Innereien oder Grütze kommen derweilen hinein, auch geschmorte Zwiebel, Milch oder Sahne schaden dem Genuss nicht. Die Zutaten werden in einen Darm gefüllt, wo sie erkalten und sich verfestigen können. Die Blutwurst ist in vielen Gegenden bekannt. Bei uns hier im Lande der Hessen wird sie gerne getrocknet mit Speck verzehrt, und ihr konntet sie heute auf die kölnische Art genießen, als gebratenes Kölner Flönz. Auch kennt man die Blutwurst als westfälisches Möppkenbrot, rote Grützwurst, Aachener Puttes, Wurstebrot und Beutelwurst. Aber was erzähl ich euch hier Predigten über die Wurst! Ihr habt wie ich gewiss kaum Zeit und anderes zu schaffen." Nachdem sich Jacop von der redseligen Wirtin brav verabschiedet hatte, verließ er zusammen mit seinem Weib und den Kindern Pfungstadt, schwor sich aber, dereinst dorthin zurückzukehren, und dem garstigen Weib Christina eine angemessene Strafe zukommen zu lassen.

Jacop wollte sich zu seinem Herrn, dem Herzog, nach Jülich begeben, um dort um ein neues Lehen zu bitten, und so machte sich die junge Familie auf den beschwerlichen Weg in die Hauptstadt des Herzogtums.
Da zu dieser Zeit, im Winter 1543/44, arktische Temperaturen über die Natur herrschten, konnte die Familie nur bei Tage über Land ziehen, wenn durch das Sonnenlicht wenigstens etwas Wärme auf Ihre Gesichter fiel.
Jacop verlor in diesem Winter zwei Finger seiner linken Hand an die Kälte, da er einen Handschuh verlor, als er seine Familie in einem verzweifelten Kampf auf Leben und Tod gegen einen Bären verteidigen musste. Er hatte Erfolg, der Bär war wahrscheinlich durch Wilderer aus seinem Winterschlaf gerissen worden, und war so schwach, dass er schon nach wenigen Minuten von ihnen abließ und sich trollte. Aber sein Handschuh war nicht mehr zu gebrauchen, und so musste die Hand frieren. Die Nächte verbrachte die junge Familie damals in den Ställen der ansässigen Bauersleute, und manchmal bekamen sie von den Besitzern sogar etwas Brot und Suppe, um den größten Hunger zu stillen.
In Jülich angekommen, stieß Jacop allerdings bei seinem ehemaligen Lehnsherrn auf taube Ohren. Man wollte ihm kein Lehen überlassen, das Land wäre bereits vollständig aufgeteilt und vergeben, so hieß es. Er bekam selbstverständlich niemals den Herzog persönlich zu sehen, sondern musste sich mit den teilweise sehr arroganten Beamten des Herzogtums herumärgern. Jacop erhielt nichts weiter als die Erlaubnis, sich vor den Stadttoren eine Hütte zu bauen, wo er mit seiner Familie leben durfte. Aber immerhin stellte man ihm in Aussicht, am Bau der neuen Festung mitzuarbeiten, wenn diese dann erbaut würde. Das war wenigstens etwas, auf das zu Warten sich lohnte. Man würde ihn gut dafür entlohnen, teilte ihm ein Beamter des Herzogs mit. Der Haken an der Sache war, dass niemand sagen konnte, wann der Bau der Festung beginnen würde. Der Herzog habe den berühmten Architekten Alessandro Pasqualini, der aus Bologna im fernen Italien kam und der ein Adliger war, dafür gewinnen können, die Festung, eine Zitadelle im neuen italienischen Stil (Fußnote: Renaissance), zu planen und zu erbauen.
Damit war Jacop nun nicht mehr Bauer, sondern einer von vielen Armen, die vor den Toren der Stadt hausen mussten. Und er war nun dazu verdammt, den vorbeiziehenden Händlern etwas Brot und Geld abzubetteln. Da er aber eine Familie zu ernähren hatte, Magdalena ging damals mit Willibrord schwanger, reichte das Erbettelte an allen Ecken und Enden nicht. Und so sah sich Jacop schon bald gezwungen, für den Unterhalt, nein, das nackte Überleben seiner Familie zu stehlen. Er versuchte es mit der täglichen Beichte in der Jülicher Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt wieder gut zu machen, zumindest was ihn und seinen obersten Herrn, Gott im Himmel, anging. Den wohlhabenden Bürgern, die er bestahl, und er bestahl nur wohlhabende Bürger, nie die ärmeren, tat ein wenig Fleisch oder Gemüse nicht wirklich weh.

Und heute hatte er Fleisch gestohlen. Geräuchertes Fleisch. Wieder schoss ihm das Wasser in den Mund und sein Magen vermeldete Hunger. Bald, ja bald würde es wieder etwas zu essen geben, nur noch etwas Fleisch aus dem Rauchfang der Eheleute Goddert würde er sich nehmen. Er hatte das Haus erreicht, alles war ruhig und dunkel. Nirgendwo war der Schein einer Kerze oder Talglampe zu sehen, oder etwas zu hören. Die Godderts schliefen also! Sehr gut!
Jacop hatte mittlerweile einige Erfahrung mit dem Stehlen, und so war die Tür des Hauses für ihn kein Hindernis. Er betrat leise die Kammer. Jetzt nur keine unbedachte Bewegung, ermahnte er sich in Gedanken, denn an die Wohnkammer des kleinen bürgerlichen Hauses grenzte direkt die Schlafkammer, in der er die Godderts atmen hörte. Wobei „atmen“ eine ziemliche Untertreibung darstellte. Carl Goddert schnarchte, als würde er einen Baum zersägen wollen.
Hoffentlich wacht die alte Anna nicht auf, dann bin ich geliefert, dachte Jacop. Aber offensichtlich war die Frau an das Sägen ihres Mannes gewohnt, denn sie rührte sich nicht in ihrem Bett. Jacop schlich auf leisen Sohlen an dem Ehepaar vorbei zur Küchentür, hob den einfachen Holzriegel an und öffnete die Tür. In diesem Augenblick rutschte Jacop buchstäblich das Herz in die Hose, als die Türe mit einem lauten Knarren aufsprang. Jetzt ist es aus!, dachte er und suchte verzweifelt nach einer Deckung, in der er sich vor dem Ehepaar verbergen konnte, aber in der Dunkelheit konnte er nichts entdecken, was ihm Schutz geboten oder die Flucht ermöglicht hätte, denn es gab nur einen Ausgang. Und der führte direkt an dem Bett der beiden Godderts vorbei! Sein Herz schlug ihm bis zum Hals, er konnte das Pochen seines Herzens und das Rauschen seines Blutes laut und deutlich hören. Jacop wagte nicht zu atmen, und so machte sich langsam eine ungesunde, rotblaue Farbe in seinem Gesicht breit. Man hätte eine Gänsefeder fallen hören können, denn Carl Goddert hatte in dem Moment mit dem Schnarchen aufgehört, als die Tür begann, ihr Konzert zu veranstalten.
Jetzt steht er gleich auf, und dann entdeckt er mich!, dachte Jacop, und sah sich in Gedanken bereits in Ketten liegend auf dem Weg in den Kerker.
Aber dann, nach unendlich scheinenden Sekunden, setzte sich lautstark das Sägewerk wieder in Gang, und Frau Goddert drehte sich im Bett laut seufzend auf die andere Seite, sodass sie Jacop jetzt sogar den Rücken zugewandt hielt. Dabei verrutschte die Bettdecke, und Jacop erhaschte einen Blick auf ein entblößtes Hinterteil, welches im fahlen Mondlicht wie ein weiterer zweigeteilter Mond leuchtete. Jacop verweilte eine kurze Zeit, betrachtete das ihm Dargebotene, und konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Schnell besann er sich wieder, und wandte sich unendlich erleichtert dem eigentlichen Grund seines Besuches zu.

In der Küche war es für ihn ein Leichtes, den Rauchfang auszumachen, obwohl es so dunkel war, dass er überhaupt nichts sehen konnte. Die Küche hatte keine Fenster. Dennoch konnte er sich am Geruch der geräucherten Schinken orientieren, und so tastete er sich vorsichtig dem verlockenden Duft des würzigen Fleisches entgegen, und streckte seine Hand aus. Er bekam den ersten Schinken zu fassen, und befühlte die fettige Oberfläche. Der Schinken war mit Schmalz eingerieben, damit er in der Luft des Rauchfanges frisch blieb, und nicht einfach nur vertrocknete. Der Schinken fühlte sich großartig an, und wieder stieg in Jacops Magen dieses brennende Gefühl des Heißhungers auf.
Aber diesen Schinken würde er nicht stehlen.
Er war zu groß, und auch zu schwer. Er würde ihn nicht tragen können, und vermutlich würde er noch nicht einmal mehr in den Leinensack passen, den er auf dem Rücken trug. Also tastete er weiter, und er fand tatsächlich zwei kleine, handliche Fleischbrocken, die er von ihren Haken löste, und vorsichtig in dem Sack verschwinden ließ, den er zuvor an dem ledernen Trageriemen auf seinen Bauch gedreht hatte, um ihn zu öffnen. Mit langsamen Bewegungen, immer darauf bedacht, nur ja kein Geräusch zu verursachen, schulterte er den nun prall gefüllten Sack wieder, und schlich auf Zehenspitzen auf die Haustür zu. Die Küchentür ließ er diesmal unberührt, da er befürchtete, noch einmal würde sein Herz einen solchen Schrecken wohl nicht überstehen. Er trat nach draußen in die Schwärze der Nacht, und …

Genau in diesem Augenblick sprang ihm eine große schwarze Katze laut kreischend entgegen!
„Heilige Muttergottes, verdammt noch eins!“, entfuhr es Jacop, und sein Herz tat einen riesigen Sprung, sodass er dachte, es würde zerspringen.
Laut fauchend zeigte ihm die verdammte Katze ihre Fangzähne, die im fahlen Mondlicht weiß leuchteten.
„Verschwinde, Biest, Du weckst noch alles auf!“, zischte Jacop der Kreatur mit rasendem Puls entgegen, und gab Fersengeld. Er hatte keinerlei Lust, von den Bürgern der Stadt beim Stehlen erwischt zu werden, und so rannte er laut keuchend und kreidebleich vor Schreck auf das Stadttor zu, in Richtung zu seiner Hütte. Er bekam nicht mehr mit, wie Carl Goddert verängstigt in die Dunkelheit flüsterte: "Wer da?", und sich aus dem Alkoven erhob ...

Jacop war erst einige Dutzend Meter gegangen, immer im Schatten, um nicht entdeckt zu werden. Da plötzlich bemerkte er ein Geräusch, welches ihn aufhorchen ließ. Ein Geräusch, dass Jacop zu dieser Nachtstunde nicht erwartet hätte, erregte augenblicklich seine vollständige Aufmerksamkeit. Er folgte dem Ton, stoppte immer wieder, ging wieder ein paar Schritte, immer darauf bedacht, möglichst kein Geräusch zu verursachen. Er legte abermals den Kopf schief, reckte sein rechtes Ohr in die Luft, und sah fast aus wie ein Hund, der nach dem Befehl seines Herrn lauschte. So tastete sich Jacop in der Dunkelheit des Schattens, den die Häuser der nächtlichen Stadt warfen, an sein Ziel heran, das er schließlich, wenige Sekunden, nachdem er das Geräusch zum ersten Mal vernommen hatte, auch erreichte. Er stand vor einer Haustür, unter der der Schimmer eines Lichtes hervordrang. Hier war jemand wach! Besser noch, hier arbeitete jemand. Jacop sah sich kurz um, um sicher zu gehen, dass ihn niemand beobachtete, und brachte sein Gesicht ganz nah an die Tür. Er schnupperte. Ein zufriedenes Lächeln huschte über sein Gesicht. Er hatte sich also nicht geirrt. Hier wurde gekocht! Ein betörender Duft drang aus der Tür, und Jacop war begierig darauf zu erfahren, was hinter der Türe vor sich ging. Er griff vorsichtig nach dem einfachen Drehschloss, mit dem die Türe verschlossen war. Heißa! Der Riegel ließ sich drehen. Jacop öffnete die Tür einen winzigen Spalt, um hindurchzuspähen. Der Mann im Inneren des Hauses hatte nicht davon bemerkt, und ging arglos seinem Handwerk nach. Jacop sah, wie der Mann einen großen Topf mit einem Stecken umrührte, und der Geruch, den er wahrnahm, sagte ihm, dass es sich bei dem Inhalt des Topfes um Schweineblut handeln musste. Weiter hinten, auf einem einfachen Holztisch, sah Jacop einen gehörigen Haufen Speckwürfel und verschiedene Kräuter liegen. Er erkannte schon am Duft das Badkraut und den Thymian. Ihm wurde schnell klar, was der Mann hier zubereitete: Blutwurst! Jacop lief das Wasser im Mund zusammen. Und er fasste einen Entschluss: Er würde warten, bis der Mann die Wurstmasse in einen Schweinedarm gefüllt hatte. Da es finstere Nacht war, war davon auszugehen, dass der Mann sich nach vollendetem Werk zur Ruhe begeben würde. Jacop verbarg sich also im Schatten neben dem Haus und wartete. Nach ungefähr einer Stunde erlosch das Licht der Talglampe unter der Tür. Wenige Minuten später fasste sich Jacop ein Herz und ergriff den Türknopf. Die Türe war nach wie vor unverschlossen. Vorsichtig öffnete Jacop die Tür, und es gelang ihm sogar nahezu lautlos. Er trat ein. Schritt für Schritt tastete sich der nächtliche Dieb in der Dunkelheit voran, versuchte, die köstliche Wurst zu ertasten. Irgendwo musste sie ja sein, und geräuchert wurde sie ja nicht, dann hätte er ja den Rauch aus dem Kamin des Hauses aufsteigen sehen. Da! Endlich fanden seine suchenden Finger ihr Ziel. Jacop hatte die Wurst gefunden, und sie war schwerer und größer, als er es erwartet hatte. Der Metzger, zumindest nahm Jacop an, dass der Mann einer war, hatte die Wurst zu einem Ring geschnürt, und er hing sie sich daher um den Hals. Die Wurst war einfach zu groß für seinen Leinenbeutel. Vorsichtig schlich Jacop wieder auf den Ausgang zur Straße zu, und hatte ihn fast erreicht, als ...
"Da ist der Dieb! Zu Hilfe!", brüllte ihm Carl Goddert direkt ins Gesicht. Der Mann hatte sich vor der Tür aufgebaut, und versperrte Jacop den Fluchtweg. Der Mann hatte so laut gebrüllt, dass Jacop fürchtete, einen Herzanfall zu erleiden. Panik machte sich breit. Er ging schnell einige Schritte zurück in die Metzgerstube, sodass der Lichtschein des Mondes, der durch die Tür fiel, ihn nicht mehr erhellte. Er selber konnte aber Carl Goddert gut sehen, seine üppigen Konturen malten sich im Mondlicht deutlich ab. "Wo steckst Du, feiger Dieb?", hörte Jacop den Schatten rufen. "Zeige Dich, damit ich dich packen kann. Glaubst der Feigling doch tatsächlich, er könne einen Goddert bestehlen! Raubt mir und meinem Weibe den Schinken. Pah!" Carl Goddert machte einen Schritt nach vorn, in die Metzgerei. Jacop glaubte aus dem Schatten heraus zu erkennen, dass Goddert hinter sich griff. Tatsächlich, denn plötzlich erschien die Hand des Dicken und hielt einen ordentlichen Knüppel. Jacop packte endgültig die Angst. Er konnte Magdalena und die Kinder nicht im Stich lassen. Er durfte nicht gefasst werden! Insgeheim malte sich Jacop bereits die Folgen einer Festnahme aus: Im günstigsten Fall würde man ihm eine Hand abschlagen, aber er wäre bestimmt nicht der erste Dieb, der vom aufgebrachten Stadtvolk zu Tode geprügelt wurde. Jacop hatte sich bis zur hinteren Wand der Metzgerei zurückgezogen. Er konnte keine weitere Tür oder ein Fenster entdecken, durch welches er hätte fliehen können. Es musste aber eine Tür geben, denn der Metzger musste sie benutzt haben, um die Stube zu verlassen. Goddert tastete sich weiter in die Stube hinein, fuchtelte drohend mit dem Knüppel. Jacop tastete nach irgendeinem Gegenstand, mit dem er sich gegen den dicken Mann verteidigen konnte. Er bekam etwas zu fassen, dass sich wie der Griff von etwas anfühlte. Er hob den schweren Gegenstand vor sich in den Lichtkegel, den das Mondlicht fahl in den Raum warf: Er hatte eine Pfanne aus Gusseisen erwischt. Das musste als Waffe ausreichen. Jacop versuchte, sich unbemerkt an Carl Goddert vorbei zu schleichen, denn dieser hatte sich inzwischen so weit in den Raum vorgewagt, dass man eventuell würde an ihm vorbei aus der Metzgerei schleichen können. Jacop wagte es nicht, zu atmen, als er im Schatten des Türrahmens auf gleicher Höhe mit Goddert anlangte. Er wollte gerade den letzten, entscheidenden Schritt zur offenen Tür tun, als er mit der Pfanne irgendetwas berührte. Ein leises, metallisches Geräusch ertönte.
"Hab ich dich!", brüllte Goddert, wirbelte herum, erhob seinen Knüppel zum Schlag - und fiel wie vom Blitz getroffen zu Boden.

Einige Sekunden später versteckte sich Jacop in einem dunklen Hauseingang. Er atmete schwer. Hoffentlich hat der verfluchte Fettsack nicht die ganze Stadt mit seinem Gebrüll geweckt!, dachte er bei sich. Die Pfanne hielt er noch immer in seiner verkrampften Rechten. Er betrachtete das Küchenutensil, das Jacop in seiner Angst auf den Kopf Godderts hatte niedersausen lassen. Was er zu sehen bekam, bestätigte seinen Verdacht: Das Gemisch aus dunklem Blut, welches im fahlen Mondlicht schwarz glänzte, Gehirnmasse und Knochensplittern sprach eine unmissverständliche Sprache. Er hatte Goddert getötet! Ich muss Magdalena und die Kinder wecken, und fliehen! Weg, nur weg!, schoss es ihm durch den Kopf. Er machte sich zitternd und schluchzend auf den Weg zum Stadttor, immer im Schutz der Schatten.

Einige Minuten später ...

Vor zwei Minuten ungefähr hatte Jacop das Stadttor hinter sich gelassen. Jetzt bereits vollkommen außer Atem, erreichte er den Übergang über die Rur. Noch ein paar Minuten wollte er im Schutze der Dunkelheit weiterlaufen, um sich dann eine, vielleicht auch zwei Stunden im Wald zu verstecken, bis er sicher war, dass ihm niemand gefolgt war. Der Schreck saß ihm zwar immer noch in den Gliedern, aber er war wieder halbwegs in der Lage, klare Gedanken zu fassen. Dieser verdammte Dummkopf!, dachte er bei sich, und Tränen traten ihm abermals in die Augen. Jacop war sich sicher; der Herrgott hatte ihn verlassen. Er war zum Mörder geworden! Jacop schüttelte sich, versuchte, seine Gedanken zu ordnen. Was geschehen war, war jetzt unwichtig. Er musste sich ein Versteck suchen, in dem er die nächsten zwei Stunden ausharren konnte, um den etwaigen Verfolgern zu entgehen, die auf seiner Fährte waren. Oder zumindest sein mussten, denn bei dem Lärm, den Carl Goddert veranstaltet hatte, war es mehr als unwahrscheinlich, dass niemand ihn bemerkt hatte …
Schon nach kurzem Suchen entdeckte Jacop die ideale Zuflucht. Ein Erdloch, umwachsen von einem schulterhoch gewachsenen, dornenbewehrten Gestrüpp, nahm ihn auf, und sogleich war er für seine Umwelt unsichtbar. Hier findet mich bestimmt niemand, dachte er zufrieden bei sich. In spätestens zweieinhalb Stunden bin ich wieder zu Haus bei Weib und Kindern, und dann gibt es erst einmal einen kleinen Festschmaus! Seinen in anfänglicher Panik gefassten Entschluss zur Flucht hatte er inzwischen aufgegeben. Schließlich gab es abgesehen von Carl Goddert keinen Zeugen seiner Tat. Und die hatte Goddert nicht überlebt. Und das Diebesgut lastete immer noch schwer in seinem Leinbeutel auf seinem Rücken. Zuversicht machte sich in der Gedankenwelt des versteckten Diebes breit, und so harrte er in dem Erdloch der Dinge, die da kommen mochten. Und die Dinge kamen. In Form einer rundlichen Gestalt im Nachthemd, und einer Horde mit Knüppeln und Heugabeln bewaffneter Bauern ...
„Ich sehe dich, verfluchter Lump! Komm heraus, du wirst uns nicht entgehen!“, ertönte plötzlich eine hysterisch keifende Stimme an Jacops Ohr. Das ist doch nicht möglich!, dachte er bei sich, Wie um alles in der Welt kann mich jemand hier entdeckt haben? Ich bin bestimmt nicht zu sehen! Die Sträucher sind absolut dicht, kein Blick kann sie durchdringen! Angsterfüllt und gehetzt sah sich Jacop die Sträucher um sich herum an. Nichts. Nicht die kleinste Lücke, durch die er etwas davon hätte erkennen können, was sich außerhalb seines Erdloches abspielte. Jacop vermutete, es handele sich um einen Täuschungsversuch seiner Häscher, die ihn nun verfolgten. Sicher können sie mich nicht finden, und hoffen, ich falle auf ihre Finte herein!, dachte Jacop. Ich muss nur weiter stillhalten, dann geschieht mir nichts!
„Ja, halt nur still, elender Dieb, so ist´s recht. Und sieh mal nach oben, wenn es dir nichts ausmacht!“, erklang wieder diese unangenehme, weibliche Stimme direkt über ihm, gefolgt von keuchenden Atemgeräuschen. Jacop rutschte das Herz buchstäblich in die Hose. Langsam hob er den Kopf, mit vor Angst zugekniffenen Augen, und er hoffte inständig, nichts zu entdecken, wenn er sie öffnete. Es konnte doch nicht sein! Niemals war er erwischt worden, und er hatte bis heute ja auch niemals etwas wirklich Schlechtes getan. Das bisschen Essen, das er denjenigen nahm, die ohnehin im Überfluss besaßen, das konnte ihm doch nicht derartige Schwierigkeiten machen. Herrgott im Himmel, ich flehe dich an, lass es nur eine Finte sein!, schickte er ein Stoßgebet gen Himmel, und öffnete nun langsam die Augen. „Keine Menschenseele!“, entfuhr es ihm in Flüsterlautstärke, und sogleich hielt er die Luft an, als er sich der Dummheit gewahr wurde, die er so gerade wieder einmal begangen hatte. Idiot, schollt er sich selbst in Gedanken, Wieso musst Du immer in genau den Augenblicken laut werden, in denen du die Klappe halten solltest? Du verhältst Dich eher wie ein Narr als wie ein Dieb!

„Haben wir Dich!“, ertönte eine Stimme über ihm.
Jacops Herz machte einen Sprung. Wie war das möglich? Er war sich sicher, keine Menschenseele über sich ausgemacht zu haben! Wieder hob er seinen Blick, um etwas in den Bäumen zu entdecken, und nun erkannte er seinen Irrtum: Er hatte in den Bäumen vor lauter Panik und Dunkelheit niemanden entdeckt! Er starrte angestrengt nach oben, und er erschrak. Dort hockte jemand, durch die Dunkelheit geschützt in einer Astgabelung, lediglich die Augen und die Zähne waren zu sehen. Offensichtlich hatte sich einer seiner Verfolger eine erhöhte Position verschafft, um ihn besser suchen zu können.
„Herrgott verdammich!", entfuhr es Jacop, und er sprang wie vom wilden Affen gebissen auf, und versuchte dem Mann im Baum zu entkommen. Er rannte ohne Rücksicht auf seine Kleider schnurgerade nach vorne und durchbrach das Gestrüpp, wobei er sich einige Risse sowohl in seiner Kleidung als auch an Gesicht und Händen zuzog. Mit zusammengebissenen Zähnen und Tränen in den Augen rannte er auf die Brücke zu und versuchte wieder in Richtung seiner Hütte zu fliehen. Ihm war es egal, ob er von Bewohnern der Stadt gesucht wurde oder nicht, er wollte nur weg von diesem Ort, denn was außer dem sicheren Tod sollte ihm hier widerfahren?
Außer Atem, sowohl vor Schreck als auch durch die Anstrengung der letzten Minuten, erreichte Jacop die Brücke. Gehetzt blickte er über seine Schulter hinter sich, und was er aus den Augenwinkeln dort zu sehen bekam, ließ ihn stolpern und hinfallen. Er drehte sich auf den Rücken und schaute mit schreckgeweiteten Augen auf das Schauspiel, das sich ihm bot.
Mindestens zehn Männer kamen auf ihn zu gerannt, die Waffen drohend erhoben, und ihnen folgte Anna Goddert, mit wehendem Nachtgewand!
„Jungfrau Maria, beschütze mich!“, rief Jacop verzweifelt. In Augenblicken solcher Panik rief Jacop seit seiner Begegnung mit dem Bären immer die Jungfrau Maria zu Hilfe, denn damals hatte sie ihm seiner Meinung nach das Leben gerettet. Er wollte sich hochrappeln und weiter vor seinen Verfolgern fliehen, denn sie wollten ihn umbringen, das stand für Jacop fest. Aber er konnte einfach seine Blicke nicht von ihnen lassen. Die Meute der Verfolger bewegte sich nun mit raumgreifenden, schnellen Schritten auf Jacop zu, und blieb stehen. In diesem Augenblick kehrte wieder Leben in seine Beine zurück. Er sprang auf, und begann zu rennen. Verzweifelt wollte Jacop vor diesen Menschen fliehen, und ein Blick zurück bewies ihm, dass es noch Hoffnung für ihn gab. Sie folgten ihm nicht! Das gab dem verzweifelten Dieb neue Kraft, und er beschleunigte seine Schritte sogar noch etwas. Er erreichte die Brücke und überquerte sie mit brennenden Lungen. Dann blieb er plötzlich wie angewurzelt stehen.

Verdammt, was geschieht hier mit mir?, dachte Jacop. Er versuchte verzweifelt, unter Aufbietung all seiner Kräfte, sich weiter von der Stelle zu bewegen, aber es gelang ihm nicht. Er stand wie angewurzelt da, konnte keinen Schritt mehr tun. Er konnte atmen, er konnte blinzeln, aber das war es auch schon. Na toll, dachte er, und wie geht es jetzt weiter? Ihm war klar, dass er verhext, ja verflucht sein musste, aber zu welchem Zweck, das war ihm noch nicht klar. Dann sank sein Kopf etwas nach vorne, wie von allein. Jacops Augen wurden groß. Er sah einen fingerdicken Bolzen aus seiner Brust ragen, und erstes Blut färbte sein Hemd glänzend schwarz. "Warum?", entfuhr es ihm fragend, obgleich er die Antwort auf diese Frage bereits kannte.
„Lass mich dir auf die Sprünge helfen“, ertönte die unangenehm keifende Stimme der alten Anna Goddert. „Du hast gestohlen, du hast meinen Mann ermordet, und ich habe dich gesehen. Und nun musst Du für deine Sünden büßen!“ Mit diesen Worten wandte sie sich zum Gehen und ließ Jacop allein mit sich und dem Diebesgut zurück an der Brücke stehen. Er konnte sich noch immer keinen Millimeter bewegen, und so stand er nun da. Die Meute seiner Verfolger folgte Anna Goddert zurück zur Stadt. Er konnte das schallende Gelächter der Menschen noch viel zu lange hören, während diese sich in Richtung Stadttor entfernten, und der Duft von frischer Blutwurst und geräucherten Schinkens wehte ihm um die Nase. „Verfluchtes Fleisch!“, entfuhr es ihm. Eine Träne der Verzweiflung rann ihm über die rechte Wange, bevor er tot zusammenbrach …

Ende

(Urheberrechtlich geschützter Text von Dirk Eickenhorst. Geschrieben 2008. Wiederveröffentlichung ohne Einverständnis des Autors untersagt.)