Kurzgeschichte: Station Demeter 3 antwortet nicht

Station Demeter 3 antwortet nicht
Station Demeter 3 antwortet nicht Die dramatische Science-Fiction Geschichte aus dem "Perryversum" erschien in Ausgabe 60 des Magazins "SOL" der Perry Rhodan-Fanzentrale.

07. Juli 1348 NGZ
Terrania City
Zentrale der Perkins Scientific Association “PSA”


“Was gibt es denn jetzt schon wieder?”, schnauzte William H. Perkins gereizt in das Audiofeld.
„Sir, Demeter 3 antwortet immer noch nicht“, entgegnete eine Stimme.
„Dann schicken sie endlich ein Rettungsteam, verdammt!“

Perkins Gesicht war knallrot. Der Chef der PSA war genervt. Seit vier Tagen gab es keine Reaktion von Demeter 3, einer Raumstation im Orbit um Pragos 4. Die milliardenschwere Forschungsmission schien bereits in der Anfangsphase gescheitert.

Das kostet mich ein Vermögen! Und meine Nerven!, dachte er, und griff nach dem kleinen Behälter auf seinem Schreibtisch, in dem er die Beruhigungspillen aufbewahrte.

4 Tage zuvor, Station Demeter 3
Im Orbit um Pragos 4

„Guten Morgen, Kurt Brandner. Dein Dienst beginnt in 35 Minuten auf Ebene 8, Quadrant 3, Bereich C9. Bitte begib dich in die Nasszelle, die Dusche ist bereits temperiert.“

Als die samtige Frauenstimme des Bordrechners mit dem leisen Knacken des Lautsprechers verstummte, öffnete Kurt Brandner sein linkes Auge und blinzelte einäugig dem neuen Tag entgegen.
„Jeden Morgen dasselbe“, brummte er missmutig.
Er konnte sich nicht daran gewöhnen, ohne Sonnenlicht aufzuwachen. Immer diese diffuse Beleuchtung, Tag und Nacht gleich. Er sehnte sich nach Terra und den Sonnenaufgängen, die ihn dort dank der Wettersteuerung täglich durch sein Schlafzimmerfenster begrüßt hatten.
Schwerfällig setzte sich der füllige Techniker auf und rieb seine Augen.
„Na, dann wollen wir mal“, seufzte er und erhob sich von seinem Bett, welches sofort ohne jedes Geräusch im Boden verschwand. Er schlich barfuß in die Nasszelle, und ließ die Duschprozedur über sich ergehen. Nach der automatischen Trocknung integrierte sich die Duschkabine wieder laut- und nahtlos in die Wand des Raums. Er zog sich an, aß einen Energieriegel und trank etwas, das entfernt nach terranischem Kaffee mit einer seltsam jaucheartigen Note schmeckte und machte sich auf den Weg zum Dienst. Heute musste Kurt nur ein paar Leitungen überprüfen und würde den Rest des Tages mit alkoholfreiem Syntho-Bier bei Pjotr und Jeremy verbringen. Unterwegs zu seiner Einsatzstelle fiel ihm die ungewöhnliche Ruhe auf. Das übliche Sirren, Klacken und Piepsen der Bordsysteme war nicht zu hören. Auch fielen ihm seltsam dunkle Bereiche in den Gängen auf.
Bin mal gespannt, was jetzt wieder alles im Eimer ist, dachte Brandner.

Er schrieb seine Beobachtungen der störungsanfälligen Bordtechnik zu und dachte sich weiter nichts dabei. Kurt Brandner war von Beginn an auf Demeter 3. Der erdähnliche Planet Pragos 4 war noch vollkommen unerforscht, und daher wurde Demeter 3 in dessen Orbit errichtet, um die Atmosphäre zu analysieren und Karten der Kontinente anzufertigen. Erst dann sollte das Bodenteam auf die Oberfläche geschickt werden.

Als Kurt Brandner die Tür zu Bereich 9C erreichte, machte seine Nase eine unangenehme Bekanntschaft mit der automatischen Schleuse, welche sich nicht wie sonst vor dem Techniker öffnete. Einen unterdrückten Schrei und den schnellen Griff an die schmerzende Nase später tönte es nasal durch den Korridor.

„Compnuter, wanpf ifft hier noof?“
Stille.

Brandner zupfte ein altmodisches Stofftaschentuch aus seiner Hosentasche, schnäuzte die blutige Nase und versuchte es noch einmal. Dieses Mal waren seine Worte fast verständlich. Dennoch, keine Antwort des Bordrechners.
Was soll das denn, dachte der Techniker.
Er nahm das kleine Kommunikationsmodul von seinem Werkzeuggürtel.
„Pjotr? Kurt hier. Was zum Geier ist bei dir los? Der Bordrechner gibt keinen Mucks mehr von sich. Was hast du wieder angestellt?“
Das Gerät rauschte leise.
„Scheiße“, fluchte Kurt.

Er machte sich auf den Weg zum nächsten Kontrollraum, um von dort seine Kollegen zu rufen. Wieder fielen ihm die dunklen Bereiche auf den Fluren auf. Allerdings nahm er sie mehr aus den Augenwinkeln wahr, als das er sie direkt sah.
Verdammte Beleuchtung, dachte er.
Damit war für ihn das Thema Dunkelheit erledigt. Er näherte sich der Schleuse zum Kontrollraum, die sich normal öffnete, und den Blick auf das Innere des Raums freigab. Kurt Brandner trat an die Kommunikationskonsole und berührte einige der Schaltflächen.

„Pjotr? Kurt hier! Antworte, verdammt!“
Der Techniker wurde unruhig, als wieder keine Reaktion auf seinen Funkruf erfolgte.
„Jeremy? Hier Brandner, bitte melden! Was ist bei euch los?“
Nach weiteren, endlosen Sekunden, während derer er dem atmosphärischen Rauschen des Äthers lauschte, machte sind in Kurts Bewusstsein eine diffuse Befürchtung breit. Etwas stimmte ganz und gar nicht auf Demeter.

Vielleicht wollen die mich auch nur wieder veräppeln, dachte er und erinnerte sich an die unfreiwillige Dusche, die seine Kollegen ihm in der Vorwoche verpasst hatten. Damals hatten sie ihn zu einem angeblichen Notfall auf das Maschinendeck gerufen. Dort angekommen, wurde er unter lautem „Zum Geburtstag viel Glück“ -Gesang mit Löschschaum in eine grotesk große ungenießbare Geburtstagstorte verwandelt.

Brandner ließ seine Finger flink über einige weitere Schaltflächen huschen und versuchte so ein Raumschiff in der Nähe zu erreichen. Sein Versuch blieb wie die vorigen ebenfalls erfolglos. Er entschloss sich, die Zentrale der PSA auf Terra zu kontaktieren. Das war zwar nur in Notfällen gestattet, aber Kurt Brandner hatte das ungute Gefühl, die aktuelle Situation auf Demeter 3 entwickelte sich gerade zu etwas, was einem Notfall zumindest ziemlich nahe kam.

„Pragos 4, Station Demeter 3 hier, es spricht der technische Offizier Kurt Brandner. Wir haben ein echtes Kommunikationsproblem hier draußen. Ich kann meine Kollegen an Bord nicht über die Kommunikationsanlage erreichen. Ich habe keinen Schimmer, wo die Jungs stecken. Wie soll ich weiter vorgehen?“

Keine Antwort, noch nicht einmal ein Rauschen in der Leitung. Einfach nichts.
„Mist!“ war das Einzige, was Klaus Brandner dazu einfiel.
Und „Jetzt ist die Kacke aber so richtig am Dampfen!“

Der Techniker gemahnte sich zur Ruhe. Wie sollte er vorgehen? Und was war mit seinen Kollegen Pjotr und Jeremy geschehen? Wenn die beiden sich nicht meldeten, konnte das nur zweierlei bedeuten; entweder, dass ihnen etwas zugestoßen war, oder das die verdammte Steinzeittechnik der Station endgültig versagte. Normal war es jedenfalls nicht, dass Brandner so lange schon nichts mehr von seinen Kollegen gehört hatte. Geschwätzig wie sie waren, hielten sie normalerweise keine halbe Stunde ohne Funkkontakt aus. Die Einsamkeit des Alls veranlasste die Menschen mitunter zu den absonderlichsten Verhaltensweisen. Wenn man einsam seiner eintönigen Arbeit auf der Station nachging, passierte es, dass man tagelang keine Menschenseele zu Gesicht bekam. Die tägliche Funkmeldung an die PSA brachte auch keine Abwechslung, denn diese wurde automatisch und ohne menschliches Zutun abgesetzt. Lediglich die Funksprüche, die sich die Besatzungsmitglieder der Station untereinander zukommen ließen, bewahrte sie davor, nicht vor lauter Einsamkeit Verrückt zu werden. Kurt Brandner beschloss, zunächst seine und dann die Kabinen seiner Kollegen aufzusuchen und wandte sich von der Konsole ab, um durch die Schleuse in den Gang zu treten.

Als sich die Schleuse vor Brandner öffnete, erstarrte er so schlagartig, als hätte er das schlangenumkränzte Antlitz der leibhaftigen Medusa erblickt. Aber es war keine Gestalt aus der altterranischen Mythologie, welche den Techniker paralysierte. Etwas vollkommen anderes ließ dem Bordtechniker buchstäblich das Blut in den Adern gefrieren. Anstelle des Korridors, dessen Anblick er wie selbstverständlich erwartet hatte, war nur Dunkelheit. Zuerst dachte er, die Beleuchtung sei nun vollkommen ausgefallen, dann jedoch bemerkte er, dass der Flur nicht in Dunkelheit getaucht, sondern schlicht nicht vorhanden war. Direkt hinter der Schleuse begann absolute Schwärze. Ein klaffendes, alles Licht verschlingendes Nichts. Der Techniker streckte seine rechte Hand durch die Schleuse in die Dunkelheit. Er hoffte, es handele sich doch nur um eine optische Täuschung oder um eine defekte Beleuchtungseinheit. Aber kaum, dass seine Hand mit der Schwärze einige Sekunden lang Kontakt hatte, zog er sie auch schon mit vor Schreck verzerrtem Gesicht wieder zurück.

„Verdammt!“

Er rieb sich die rechte Hand, und ihm wurde klar, dass dieser Weg nicht passierbar war. Sofort als seine Hand in die Dunkelheit eintauchte, wurde sie jeder Empfindung beraubt. Er konnte seine Hand überhaupt nicht mehr spüren! Es fühlte sich an, als sei die Hand vollkommen schmerzlos vom Rest des Körpers abgetrennt worden. Er fühlte keinerlei Schmerz, und doch war diese Empfindung für Kurt Brandner noch weit schlimmer,als ein stechender oder dumpfer Schmerz sich hätte anfühlen können. Ein wie auch immer gearteter Schmerz hätte ihm zumindest den Beweis erbracht, dass am Ende seines Armes noch eine Hand war. So aber spürte er gar nichts, und er hätte schwören können, keine Hand mehr zu besitzen. Seine Augen signalisierten ihm allerdings das Gegenteil, und so unterdrückte Kurt Brandner die aufkeimende Panik und zwang sich zur Ruhe. Er wartete einige endlos scheinende Minuten ab, in denen er durch das bloße Anstarren seiner rechten Hand die gefühlte Gewissheit unterdrückte, dass dort, wo er die Finger aus seiner Handfläche ragen sah, nichts war. Endlich kehrte langsam das Leben wieder mit gewaltigem Kribbeln in die Finger zurück. Er betrachtete immer noch die Hand, konnte aber keinerlei Veränderung oder Verletzung daran erkennen. Erleichtert wurde dem Techniker klar, dass von dieser Schwärze nichts weiter Gravierendes zu befürchten war, aber auch, dass er ganz sicher nie wieder diese absolute Dunkelheit berühren wollte…

Kurt öffnete einen Wartungsschacht, der den Kontrollraum mit dem Wohntrakt verband und kroch hinein. Doch schon auf den ersten Metern wurde ihm klar, dass er in der unbeleuchteten Röhre diese empfindungslose Schwärze mit bloßem Auge nicht von der einfachen Abwesenheit des Lichts würde unterscheiden können. Hastig löste er die winzige Lichtzelle von seinem Werkzeuggürtel und haftete sie an seine Stirn. Sofort fiel ihm auf, dass es auch in diesem engen Schacht bereits Anzeichen für die unheimliche Schwärze gab. Besonders neben und hinter ihm, und wieder erahnte er sie mehr, als das er sie wirklich sah. Er blickte sich ängstlich um, wenn er einen schwarzen Bereich auch nur im Augenwinkel erahnte, und tatsächlich, dann sah er ihn auch bewusst. Brandner beeilte sich, aus der engen Röhre hinauszukommen, auf keinen Fall wollte er noch einmal dieses Nichts spüren. Oder besser: er wollte das „nichts fühlen“ nicht spüren.

Verschwitzt und Atemlos erreichte er die die Luke, die zu den Mannschaftsquartieren führte. Mit seinem Multifunktionswerkzeug öffnete er sie, zwängte seinen etwas zu fülligen Körper unter einiger Anstrengung hindurch und ließ sich erschöpft in den dahinter liegenden Gang fallen. Nachdem er etwas zu Atem gekommen war, deaktivierte Kurt Brandner die kleine Lichtzelle wieder und befestigte sie sorgfältig an seinem Gürtel. Trotz der diffusen Lichtverhältnisse in dem Gang konnte Kurt die Schwärze auch hier erkennen. Aus den Ecken drang sie in den Raum, und verkleinerte diesen langsam.
Wo bin ich hier nur hineingeraten, fragte er sich.

Kurt Brandner ließ die letzten Wochen auf Demeter 3 Revue passieren, während er sich von der anstrengenden Kriecherei durch die Wartungsröhre erholte. Er war zusammen mit Pjotr und Jeremy als Mitglied der technischen Besatzung auf die Station gekommen. Zusätzlich befanden sich damals noch zwei Wissenschaftler an Bord der Station. Nachdem diese die Atmosphäre und Oberfläche des Planeten analysiert und Karten der drei Kontinente erstellt hatten, waren sie schnell wieder verschwunden. Die Aufgabe der Techniker war es nun, die Systeme fehlerfrei zu halten, bis ein Landungsteam eintraf, das zur Oberfläche des Planeten vordringen sollte. Dieses Team hätte dann die Aufgabe, Bodenproben zu entnehmen, um die durch die orbitalen Messgeräte angezeigten Rohstoffvorkommen zu untersuchen. Bei erfolgreichem Ausgang der Bodenmission sollte Demeter 3 demontiert und die Besatzung zurück nach Terra gebracht werden, bevor auf Pragos 4 mit der Extraktion der Bodenschätze begonnen wurde.

Kurt hatte sich wieder etwas von den Strapazen erholt, und machte sich auf den Weg in seine Kabine, die er ohne Probleme, von der sich weiter ausbreitenden Schwärze einmal abgesehen, erreichte. Beim Betreten seines Quartiers fiel ihm auf, dass der Raum nur noch halb so groß war wie zuvor. Schnell entnahm er seinem Spind den zwei Jahre alten PHI-Serun-Raumanzug des Modells M3S-I Typ 1 und schlüpfte in dessen drei Komponenten hinein.
Sicher ist sicher, dachte er. Gab es in einem schwarzen Nichts eine atembare Atmosphäre? Kurt hatte nicht vor, dies herauszufinden.

Da die Schwärze die Station vollständig zu überfluten drohte, entschloss sich Kurt, Demeter 3 schnellstmöglich in Richtung Pragos 4 zu verlassen. Sein Serun würde ihm Zeit und Sicherheit verschaffen, bis ein Raumschiff ihn von der Planetenoberfläche retten konnte. Er packte einige persönliche Sachen in einen Tornister, darunter den Holowürfel mit Bildern seiner verstorbenen Frau Sarah, und eine leichte Impulswaffe. Kurt Brandner versuchte abermals, von der Kommunikationsanlage in seinem Raum die Kollegen zu erreichen. Das Gerät funktionierte nicht. Die Schwärze hatte sich bis zu dessen Verkabelung ausgedehnt und das Gerät offenbar zerstört. Entsetzt dachte Kurt an die Lebenserhaltungssysteme, und war froh, seinen Serun zu haben.

Schnell verließ er die Kabine und eilte zum Quartier seines Kollegen Pjotr. Als sich die Tür zur Seite schob, fand er die Schwärze hier bereits auf den ganzen Raum ausgedehnt. Pjotrs Kabine existierte nicht mehr. Auf dem Weg zu Jeremys Raum registrierte er aus den Augenwinkeln ein Blinken. Das Kommunikationsgerät an seinem Gürtel zeigte an, dass es eine Nachricht für ihn gab.

Verdammt, dachte Kurt.

Er hatte das Gerät auf lautlos gestellt, um nicht gestört zu werden, während er Leitungen überprüfte. Er rief die Nachricht ab. Sie war mehrere Stunden alt und von Jeremy.

„Hey Kurt, wieso zum Geier gehst Du nicht ran? Egal: Du hast den schwarzen Mist an Bord auch bereits entdeckt, nehme ich an? Wir wollten Dich warnen, aber Du hast auf die Funksprüche nicht reagiert. Hast Du das Ding schon wieder lautlos gestellt? Na Egal. Wir haben die ganze Zeit versucht, ein Schiff zu erreichen, aber der Funk funktioniert einfach nicht.“

Er hörte Jeremys aus dem Kommunikationsmodul leise Schluchzen. Das passte gar nicht zu dem fröhlichen, unbekümmerten Australier, und Kurt war klar, dass es einen wichtigen Grund für die offensichtliche Verzweiflung seines Kollegen geben musste. Aus Kurts Vermutung wurde Gewissheit, als Jeremys durch den winzigen Lautsprecher leicht verzerrt erklang.
„Pjotr ist tot!“
Jeremys Stimme brach, er schluchzte erneut, fing sich aber schnell wieder. Kurts Herzschlag setzte für einen viel zu langen Moment aus.
„Er wollte zur Fluchtkapsel, sich von hier verpissen, aber da war schon dieses verdammte schwarze Etwas. Er ist direkt hineingelaufen!“
Jeremy redete weiter, aber es war für Kurt nicht mehr zu verstehen, nur noch unartikuliertes Brabbeln, Schluchzen und Schniefen.
Die Aufzeichnung endete.

Kurt rannte zu Jeremys Kabine. Von der Schwärze war hier noch nichts zu sehen. Er fand Jeremy sofort. Er war tot, hatte sich in seinem Sessel mit seiner Impulswaffe das Leben genommen. Kurt wurde von dem schockierenden Anblick seines nun kopflosen Kollegen übel und zugleich bewusst, dass er nun mit der unheimlichen Schwärze, die ganz Demeter 3 auszulöschen drohte, allein auf der Station war. Er beschloss von Demeter zu fliehen und zwängte sich durch eine weitere Wartungsröhre zu einer der Fluchtkapseln. Dank des Serun erreichte er die Schleuse in wenigen Sekunden. Er setzte sich in die Kapsel, aktivierte die Systeme, und startete die automatische Fluchtprozedur.

Nachdem die Fluchtkapsel von der Station weg ins All in Richtung des Planeten katapultiert worden war, prüfte Kurt die Instrumente. Dabei bemerkte er etwas, wieder nur aus den Augenwinkeln. Er betrachtete die leicht spiegelnde Oberfläche einer der Anzeigen bewusst. Er erkannte sein Spiegelbild und ...
Da!
Kurts Augen weiteten sich vor Schreck.
Er erkannte in der Spiegelung sein Gesicht, und es war ein regelrechter Schock für den Bordtechniker. Aus den Außenwinkeln seiner Augen sah er dünne Fäden der alles verschlingenden Schwärze ziehen, wie Nebel zunächst halbtransparent, dann dichter werdend und schließlich undurchdringlich schwarz. Die ganze Fluchtkapsel verschlingend, in der er auf die Planetenoberfläche zuraste.
Ich bin es!
Es durchfuhr ihn wie ein Donnerschlag.
Ich habe sie alle getötet! Ich muss irgendwie kontaminiert sein!
Kurt wunderte sich, der Serun hätte bei einer Kontamination sofort Gegenmaßnahmen eingeleitet. Und dann erinnerte er sich. An jenes vollkommen unbedeutende Ereignis vor wenigen Tagen.

Er hatte an der Außenhülle der Station gearbeitet, und war an einer winzigen, nicht ganz bündig eingedrehten Schraube hängengeblieben. Die Systeme des Anzugs meldeten zwar eine mikroskopisch kleine Beschädigung, jedoch reparierte sich der Serun in Sekundenbruchteilen und gab Entwarnung. Irgendetwas war in den Anzug gelangt! Es musste so geschehen sein!
Ich bin eine Gefahr für die Sicherheit und das Leben aller, schoss es ihm durch den Kopf.

Er sendete einen letzten Funkruf auf allen Frequenzen, nahm seinen Holowürfel aus dem Tornister und legte ihn vor sich auf die Steuerkonsole. „Bis gleich, meine Kleine“, sagte er unter Tränen zum Bild seiner Frau, und deaktivierte alle Rettungs- und Sicherheitssysteme der Fluchtkapsel. Bei dem, was nun kam, würde ihm auch sein Serun nicht mehr helfen können, das war Kurt Brandner klar.

Als die Kapsel schutzlos auf Pragos 4 aufschlug, war Kurt Brandner augenblicklich tot. Er starb in der festen Überzeugung, die Menschheit vor der Ausbreitung einer bislang unbekannten und tödlichen Gefahr bewahrt zu haben.

Drei Jahre später
10. August 1351 NGZ, Station Demeter 4
Im Orbit um Brandners Planet

Audio-Logbuch von Benjamin Marks, leitender Wissenschaftsoffizier von Demeter 4:

„Nachdem auch am 07. Juli 1348 NGZ alle Kontaktversuche zur Orbitalstation Demeter 3 erfolglos blieben, beschloss die PSA, ein Patrouillenschiff zu beauftragen, auf Demeter 3 nach dem Rechten zu sehen. Die Patrouille berichtete von einer absolut dichten, nicht mit Messgeräten erfassbaren dunklen Masse, die die gesamte Station wie ein Kokon umgab.

Wenige Tage später löste sich die schwarze Masse dann von der Station, und verblieb als eine Art Wolke in der unmittelbaren Nähe. Nachdem man den bewusstlosen Techniker Pjotr Petrankovicze und die Leiche Jeremy Ironsides von der Station geborgen hatte, beschloss man auf Terra aus Angst vor einer möglichen Kontamination durch die unbekannte schwarze Masse fatalerweise die vollständige Zerstörung Demeters. Ein kostspieliger Fehler, wie wir mittlerweile wissen.

Heute, beinahe drei Jahre nach dem Untergang der Station, wissen wir, dass wir es damals mit dem Erstkontakt zu einer der faszinierendsten Lebensformen des Universums zu tun hatten.

Die SIND, sie haben sich diese Bezeichnung selbst speziell für uns Menschen gegeben, wurden durch uns irrtümlich als Bedrohung eingestuft. Diese Lebensform ist von höchster Intelligenz, und unterhält auf dem Planeten Pragos 4 eine ihrer Enklaven. Die SIND,ein Kollektiv von Einzelwesen, befinden sich auf dem evolutionären Weg von ihrer körperlichen Daseinsform zur Entstofflichung, nach deren Abschluss sie vermutlich eine Superintelligenz bilden werden. Jedoch unterscheiden sich die SIND in einigen Punkten von den uns bekannten Superintelligenzen. Genau wie die SIND selbst, so ist auch ihre Enklave auf Pragos weder mit technischen Gerätschaften anmessbar, noch in natürlichem Licht für unsere menschlichen Augen sichtbar. Erst durch eine Bestrahlung mit künstlichen Lichtquellen, wie zum Beispiel der Beleuchtungselemente auf Demeter 3, wurden die SIND für unsere Augen sichtbar. Sie verfügen durch ihre Fähigkeit der mentalen Verschmelzung mit ihren Artgenossen über eine kollektive Intelligenz, die der eines Einzelwesens vielfach überlegen ist. Ihre Kommunikation ist auf eine so dramatisch andere Art und Weise Verschieden zu der uns möglichen, dass es während des Erstkontaktes auf Demeter 3 zu folgenschweren Missverständnissen kam, welche zum Verlust zweier Menschenleben und letztlich einer ganzen Raumstation führten. Heute wissen wir, das die SIND ihnen unbekannte Lebensformen für drei unserer Standardtage „umschließen“, um sie zu analysieren und einen adäquaten Kommunikationsweg zu ermitteln. Dabei versorgen sie ihren "Gesprächspartner" mit allem, was dieser zum Überleben benötigt. Die Kommunikation der physischen Individuen der SIND untereinander bezeichnen wir heute als "Zelluläre Interaktion". Nach ausgiebiger, gemeinsamer Forschung ist es uns mittlerweile möglich, mit den SIND auch ohne die drei Tage der Anpassung zu kommunizieren. Wir haben bereits einiges über diese vollkommen friedfertige Spezies erfahren. Die SIND können das Vakuum des Weltraums ohne technische Hilfsmittel durchkreuzen. Sporen eines Pilzes gleich treiben sie von Planet zu Planet, und "ernten" dabei kosmische Strahlung. Mehr benötigen Sie in ihrer derzeitigen Evolutionsstufe nicht zur Nahrung. Auf den Planeten gründen sie dann die für uns unsichtbaren Enklaven. Wir haben bereits sehr vom umfangreichen Wissen der SIND profitiert. Schade nur, dass es zwei Menschenleben kosten musste. Angesichts der Erkenntnisse, die uns der Kontakt zu den SIND bislang beschert hat, finden wir Trost in der Tatsache, dass Jeremy Ironside und Kurt Brandner nicht umsonst starben. Großer Dank gebührt Kurt Brandner, der durch sein kleines Missgeschick im All die SIND auf uns aufmerksam machte.

Großadministrator Perry Rhodan persönlich hat daher heute den Techniker in einer Ansprache anlässlich der Eröffnung der ersten Abbauanlage auf Pragos 4 auf allen Trivid-Kanälen geehrt, und den Planeten Pragos 4 in "Brandners Planet" umbenannt.

ENDE

(Urheberrechtlich geschützter Text von Dirk Eickenhorst. Geschrieben 2010. Wiederveröffentlichung ohne Einverständnis des Autors untersagt.)