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SPIEGEL

Spiegel
Spiegel Diese Kurzgeschichte erhielt eine Nominierung zum Literaturpreis der Stadt Taucha (Sachsen).

An klaren Tagen betrachte ich es aus einer nur mir ganz allein möglichen Distanz. Dann sehe ich es an, und mein Blick schweift über die raue Fassade.
Ich sehe den Putz, der uneben und grau geworden ist und ich wundere mich darüber, dass er so viele Flecken und schadhafte Stellen bekommen hat.
Kein Anstrich, den ein Mensch auf diese Fassade aufbringen kann, scheint die Macht zu besitzen, den erbärmlichen Zustand dieser einst so schönen Oberfläche zu übertünchen.
Diese Fassaden sind gezeichnet von einer langen Zeit, einer Zeit der Stürme und Wolkenbrüche, die dieser Oberfläche wieder und immer wieder mit schneidenden Winden und prasselnden Regengüssen zu Leibe gingen.
Auch die Eiseskälte der vielen Winter und die sengende Gluthitze der Sommersonne hinterließen unübersehbare Narben auf dem Kleid meines Schlosses. Dem Verfall dieser Wohlgestalt vermochten auch die milden Frühlingstage verronnener Jahre mit ihren erfrischenden Brisen und lauen, sanften Nächten nichts entgegenzusetzen.
Ebenso wenig war es den Herbsttürmen im Leben meines Schlosses vergönnt, mit ihren Böen die Zeichen der Zeit von seiner Fassade zu wehen.
Es nutzte auch nichts, wenn der Herbst sein bestes gab, die äußerliche Unvollkommenheit unter einer Decke bunter und doch welker Blätter vor den Augen der Betrachter zu verbergen.
Mir wird, während ich wie jeden Morgen mein Schloss betrachte, eines klar; jeder Versuch, diese Fassaden neu und unverbraucht wirken zu lassen, ist unweigerlich zum Scheitern verurteilt.
Denn dieses Schloss ist weder neu, noch verdient es die Bezeichnung unverbraucht.
Es trägt die Spuren der Zeiten, die es durchwanderte, und es tut dies nicht ohne Würde.
Der Anblick der schrundigen Oberfläche legt schon während des einfachen Vorgangs der Betrachtung unentwegt Zeugnis darüber ab, wie es sich den Unwägbarkeiten und Anfeindungen seiner Geschichte entgegengestemmt hat.
Und der Anschein der Unvollkommenheit überwiegt bei längerer, genauerer Betrachtung auch nicht mehr der Gewissheit, dass eben diese Erscheinung, diese vom Alter gezeichnete und gebeugte Äußerlichkeit, dem Betrachter noch etwas anderes, ungleich Wichtigeres zu erzählen hat.
Denn wenn man durch die im Laufe der Jahre opak gewordenen Fenster in das Herz und die Seele meines Schlosses schaut, dann erblickt man mehr als nur die unbewohnten, leeren Zimmer dieser Tage.
Im Herzen meines wandelnden Schlosses leben bis heute die Erinnerungen an seine Bewohner, auch wenn diese schon vor Jahren durch Mächte, die größer sind als die meinen, gezwungen waren, sich an einen anderen Ort zu begeben.
Einen Ort, von dem wir Menschen so gerne glauben mögen, dass er besser ist als unsere oft triste und entbehrungsreiche Wirklichkeit.

An klaren Tagen erscheinen mir diese Erinnerungen so frisch und nah, dass ich in den Tiefen meines Schlosses die Stimmen durchaus hören kann.
Ich vernehme Worte voller Sanftmut und Liebe, die mir flüsternd Glauben machen, das ich die Einzige bin, geliebt und geachtet über alle Maßen.
Ich schnappe unschuldiges, frohes Kinderlachen auf, wie es durch die Räume meines Schlosses schallt und mein Herz, meine Seele, meine gesamte Existenz mit heller Freude erfüllt.
Ich lausche der Stille vieler Abende, bis zum Überlaufen angefüllt mit Vertrauen, Hingebung und Innigkeit.
Ich spüre manchmal schwül und erregend die Lust, die sich in diesen Mauern aus Vertrauen geboren Bahn ins Leben brach.
Natürlich hat es in meinem Schloss, für mein Schloss, nicht nur glückliche Zeiten gegeben.
Es gab auch Tage und Nächte voller Verzweiflung, Angst, Schmerz und Trauer.
Und auch Hunger ist eine Empfindung, die mein Schloss in seinen Mauern beizeiten beherbergen musste.
Hunger nach Nahrung, nach einem Ende des Krieges, der alle Menschlichkeit und Liebe zu verschlingen drohte.
Dieser Hunger wurde mir gestillt, anders als der Hunger nach der Rückkehr meines Ehemannes, der aus eben jenem Krieg nie zurückkehrte.
Mein Schloss hat den Tod erlebt, wenn die Bewohner seines Herzens aus dem körperlichen Leben in das nebelhafte Dasein innerhalb meiner Erinnerung wechselten.
Aber es erlebte auch das Wunder der Geburt, die Ankunft geliebter Menschen, die das Leben in seinen Mauern zu einem Dasein voller Glückseligkeit machten. So ist es an klaren Tagen.

Aber dann gibt es die Tage, an denen nichts klar ist.
An diesen Tagen blicke ich mein Schloss an, und mir ist, als gehöre es mir nicht.
Ich erkenne, dass ich es bereits gesehen habe, dass es irgendwie mit mir verbunden sein muss.
Aber alle Gedanken sind unscharf, von Schleiern überzogen, und gelegentlich erahne ich die Anwesenheit anderer.
Geisterhafte Erscheinungen blicken mich aus dem Spiegel fragend an.
Mir kommen ihre Gesichter entfernt bekannt vor, jedoch will sich in meinem Geist kein Name formen, der ihnen zuzuordnen wäre.
Diese Tage häufen sich in der letzten Zeit.
Mein Arzt nennt sie „Demenz“.
Noch überwiegen die klaren Tage.

Jeden Morgen betrachte ich mein Schloss im Spiegel, meinen Körper, das Einzige, welches mir allein gehört.
Hier in mir bin ich Schlossherrin.
Und dann löse ich meinen Blick vom Spiegelbild, und folge der Pflegerin in den Frühstücksraum des Altenheims.
Alt und gebeugt, voll von Geistern der Erinnerung.

Lebendig.

(Urheberrechtlich geschützter Text von Dirk Eickenhorst. Geschrieben 2008. Wiederveröffentlichung ohne Einverständnis des Autors untersagt.)