Kurzgeschichte: Ende eines Unsterblichen

Ende eines Unsterlichen
Ende eines Unsterlichen Diese Science-Fiction-Story spielt im "Perryversum" und erschien erstmals im Magazin "SOL" Nummer 54 der Perry Rhodan Fanzentrale.

07. Juli 1341 NGZ
Im Orbit um Aralon


Dunkelheit.
Die erste Sinneserfahrung, die Perry Rhodan machte, als er aus der schwarzen Tiefe einer Ohnmacht ins bewusste Leben zurückkehrte. Der Terranische Resident öffnete die Augen. Das künstliche Licht blendete. Instinktiv schloss Rhodan seine Augen wieder. Er überwand den Reflex, öffnete die Lider einen Spaltbreit und zwang sich, das schmerzhaft auf seinen Sehnerv einstürzende Licht zu ertragen. Sekunden später ließ der Drang nach, sich dem Licht zu entziehen.
Wo bin ich hier?, fragte sich Rhodan.
Warum bin ich hier?, fügte sein Geist hinzu.
Er fand auf diese Fragen keine Antwort. Weder gab ihm das, was er um sich herum wahrnahm, Aufschluss darüber, wo genau er sich befand, noch fand sein sonst so zuverlässiges Gehirn eine Information, wie es zu der Ohnmacht kam, aus welcher er soeben erwacht war. Schmerzen hatte er nicht, abgesehen von denjenigen, die einen neununddreißig-jährigen Terraner allgemein plagten. Der Unsterbliche sah nicht nur aus wie ein gesunder Mann um die Vierzig, er fühlte sich auch so. Schier unglaublich schien es ihm, dass er überhaupt lebte, denn sein Geburtstag war der 8. Juni des Jahres 1936 nach Christus und lag unvorstellbare 2992 Jahre zurück. Mit neununddreißig hatte er auf Wanderer, der Heimstatt der Superintelligenz ES, eine Zelldusche erhalten, die seinen Alterungsprozess stoppte. Alle 62 Jahre erneuerte ES die Zelldusche. Im Jahr 2103 dann erhielt er den Zellaktivator, den die Kosmokraten für ihn vorgesehen hatten. Ein Gewinn, wenn auch ein schmerzlicher, denn untrennbar verbunden mit der Erlangung seines Zellaktivators war der tragische Tod seines Sohnes, Thomas Cardiff. Dieser hatte sich damals gegen seinen Vater gestellt, und mit dem Leben dafür bezahlt. Ihm brachte der Zellaktivator nicht die relative Unsterblichkeit, sondern den Tod.
Unbewusst griff sich Rhodan an die Stelle über seinem Brustbein, an der vor langer Zeit der eiförmige Aktivator an einer Halskette hing. Im Jahr 1174 Neuer Galaktischer Zeitrechnung implantierte ES einen Zellaktivatorchip in seiner linken Schulter. Dadurch war es Rhodan möglich gewesen, die vergangenen fast drei Jahrtausende zu erleben.
Weiter jetzt!, dachte Rhodan.
Er war auf einem Raumschiff, so viel war ihm klar. Boden und Wände waren aus Terkonitstahl und zum Teil kunststoffverkleidet. Fenster sah er nicht. Einige kaum wahrnehmbare Linien an den Wänden deuteten auf automatische Türsysteme hin. Weder Schilder noch Beschriftungen gaben Perry Aufschluss über seinen Standort. Der Resident der Liga Freier Terraner warf einen Blick auf seinen Armbandkommunikator. Das heißt, auf die Stelle, an der sich der Kommunikator für gewöhnlich befand. Das Gerät war verschwunden.
„Verdammt!“, entfuhr es ihm. Also kein Kontakt zur Außenwelt. Er atmete tief durch, stand auf und ging den Gang entlang. Er stellte fest, dass tatsächlich einige der Linien an den Wänden Türspalte waren. Er durchschritt eine Tür, die sich vor ihm öffnete, fand aber nur einen weiteren sehr langen Flur.
Hinter einer Biegung entdeckte er eine Station der Bordpositronik. Rhodan nahm einige Schaltungen an der Konsole vor, konnte aber lediglich in Erfahrung bringen, welches Datum die Positronik dem laufenden Tag zuordnete. Es war der 07. Juli 1341 NGZ. Und der Standort des Raumschiffs ließ sich ablesen: 24 km über Aralon.
Überraschend ungenau, dachte der Resident.
Aralon also. Rhodan hatte keine Ahnung, warum er sich hier befand. Aralon war die Heimat der Aras, die gemeinhin als „Galaktische Mediziner“ bekannt waren. Er erinnerte sich schemenhaft an Ereignisse im Zusammenhang mit einem Toxin, das ganze Welten zu verheeren imstande war. Er entsann sich, mit Julian Tifflor, dem Residenzminister für LFT-Außenpolitik gegen den Mantar-Heiler Trantipon und andere kriminelle Aras im Einsatz gewesen zu sein. Perry Rhodan fiel auf, dass seine aktuellste Erinnerung im Zusammenhang mit diesem Einsatz im Jahr 1340 NGZ stand. Heute war der 7. Juli 1341.
Wo ist das letzte Jahr geblieben?, dachte er.
Der Unsterbliche beschloss, sich fürs Erste mit diesem Informationsmangel abzufinden, und weiter nach einem Ansprechpartner auf dem Raumschiff zu suchen. Irgendjemand musste schließlich dieses Schiff steuern. Er schritt durch viele Türen, jedoch brachten auch diese ihn nur in die ewig gleichen Flure. Mehrfach schien es Rhodan, als ginge er im Kreis.
Nachdem er eine weitere Tür hinter sich gebracht hatte, bemerkte er etwas. Eine Tür, etwa zweihundert Meter entfernt, stand offen. Grünliches Licht drang auf den Flur hinaus. Der Resident beschleunigte seine Schritte.
„Hallo? Ist dort jemand?“, fragte Rhodan. Er erhielt keine Antwort.
Rhodan erreichte die Tür, stellte sich mit dem Rücken an die Wand neben sie und wartete einige Sekunden. Kein auffälliges Geräusch, abgesehen von einem leisen Summen irgendeines Geräts. Der Unsterbliche sah hinein. In dem Raum stand ein Käfigtransmitter, von dem sowohl das Summen als auch der grüne Lichtschein abgegeben wurden.
Ein Weg nach draußen, dachte er.
Perry Rhodan widerstand dem Drang, der bedrohlichen Umgebung des entvölkerten Raumschiffs zu entkommen, indem er einfach in den Transmitter ging. Eine gute Entscheidung, denn urplötzlich schwoll das Summen des Transmitters zu einem lauten Dröhnen an und das grüne Licht spie eine riesige, dunkle Gestalt aus.
Der Unsterbliche ruckte zurück, neben die Tür. Seine rechte Hand zuckte an die Hüfte, wo er seinen Kombistrahler trug. Er hatte nicht erkennen können, wer oder was aus dem Transmitter getreten war. Er vernahm Schritte, die sich der Tür näherten. Schwere, laute Schritte. Ein Roboter? Rhodan ergriff seinen Kombistrahler.
Die riesige Gestalt trat aus dem Transmitterraum in den Flur hinaus, ohne Rhodan zu bemerken, der noch immer neben der Tür stand. Rhodan erkannte die Person sofort. Bei der schwarzen, 3,50 Meter großen Gestalt handelte es sich um niemand Geringeren als Icho Tolot, mit dem ihn eine tiefe, lange Freundschaft verband. Perry atmete erleichtert auf, und ließ den Strahler sinken.
„Tolotos! Alter Freund, schön dich hier zu sehen. Hast du eine Ahnung, was ich …“
Weiter kam der Unsterbliche nicht. Der Riese fuhr herum, erkannte Rhodan, und sofort verfinsterte sich sein Gesicht zur hasserfüllten Fratze.
„Rhodan!“, donnerte Tolot.
„Mörder!“, schickte er verächtlich hinterher, und raste, auf zwei seiner vier Arme gestützt, mit hoher Geschwindigkeit auf den Terraner zu. Er erhob eine der zwei freien Hände und ballte sie zur Faust. Wie ein gewaltiges Geschoss sauste der Haluter auf Perry Rhodan zu.
Der Resident sprang geistesgegenwärtig zur Seite. Die Faust krachte in die Wand an genau der Stelle, wo sich noch einen Sekundenbruchteil zuvor Perrys Kopf befunden hatte, und
hinterließ eine riesige Beule.
„Was zum Teufel ist los mit dir, Tolotos?“, rief Rhodan, während er eine gewisse Distanz zwischen sich und den zwei Tonnen schweren Koloss brachte. Icho Tolot preschte erneut heran, holte ihn ein und packte ihn am rechten Oberarm. Perry jaulte auf vor Schmerz.
„Teufel ist ein gutes Stichwort, Rhodan“, polterte der Riese. „Es trifft auch auf dich zu! Ich werde dich nicht mit dem Leben davonkommen lassen, das verspreche ich dir!“
Tolot verstärkte den Druck seiner Hand, und Rhodan spürte, wie sein Arm brach. Schmerz raubte ihm den Atem.
Warum hasst IchoTolot mich? Hat es etwas mit diesem Raumschiff zu tun? Was ist im letzten Jahr geschehen, was ihn so gegen mich aufbringt? Rhodan fand keine Antworten, nur Schmerzen.
Tolot schleuderte den Terraner von sich. Als er auf dem Boden aufschlug, brach sich der terranische Resident mindestens zwei Rippen. Er blutete aus einer großen Platzwunde an der Stirn. Er war erneut der Ohnmacht nahe. Blut lief ihm in die Augen und legte einen roten Schleier auf seine Wahrnehmungen.
„Was mit mir los ist, willst Du wissen?“ Der Haluter machte einen Riesensatz auf Perry zu, packte ihn und schleifte ihn durch die Gänge bis zu der Positronikstation. Er nahm einige Schaltungen vor. Eine Trivid-Aufzeichnung erschien. Es war eine Nachrichtensendung.
„Der ehemalige terranische Resident, Perry Rhodan, wurde heute in Abwesenheit des Völkermords für schuldig befunden. Der kommissarische Resident der Liga Freier Terraner, Julian Tifflor, verlas folgende Erklärung.“ Die Nachrichtensprecherin verschwand, dafür wurde nun Tifflor eingeblendet.
„Mit Unverständnis und Schrecken habe ich vom Verbrechen Rhodans Kenntnis erlangt. Unser ehemaliger Resident hat sich des Genozids am Volk der Haluter schuldig gemacht. Er setzte das sogenannte „Halutrex-Virus“ frei und löschte so die gesamte halutrische Population aus. Einzig Icho Tolot, ein Zellaktivatorträger, hat überlebt. Tolot bat offiziell darum, Rache üben zu dürfen. Wir haben uns nicht dazu durchringen können, Icho Tolot diesen Wunsch abzuschlagen. Perry Rhodan wurde daher heute zum Tode verurteilt.“ Das Trivid erlosch.
Das kann, es darf nicht sein! Rhodans Gedanken rasten. Die Schmerzen raubten ihm die Sinne.
Hier stimmt doch etwas ganz und gar nicht, dachte er. Und dann fiel es ihm auf. Der Zellaktivator! Er pochte nicht, wie er es sonst tat, wenn er seine heilenden Kräfte freisetzte. Perry griff an seine linke Schulter. Der Zellaktivatorchip war nicht da! Aber er konnte keine Narbe feststellen, genauso wenig wie eine frische Wunde. Und frisch müsste sie sein, denn als Aktivatorträger hatte er nur 62 Stunden, bevor der Zellverfall begann. Und der trat ganz sicher ein, wenn ihm der Chip entfernt und innerhalb dieser kurzen Frist nicht wieder eingesetzt wurde. Unbewusst griff er sich an den rechten Nasenflügel, wo ihn seit seiner Jugend eine kleine Narbe an den Unfalltod seiner Schwester Deborah erinnerte, und
die sich bei Erregung weiß verfärbte. Aber auch diese Narbe fehlte!
Was geht hier vor?
Perry Rhodan kam nicht dazu, sich weitere Gedanken zu machen. Mit einem geradezu kreatürlichen Schrei sprang Icho Tolot neben ihn, in seiner riesigen Pranke den lächerlich klein wirkenden Kombistrahler Rhodans. Perry erkannte am Display des Strahlers, dass dieser im Desintegratormodus lief. Tolot drückte ab, und in der Emission des Strahlers vergingen die linke Schulter und der Oberarm des Residenten. Die Hand und der Unterarm
fielen herunter und landeten klatschend auf dem Boden. Das Letzte, was Rhodan sah, war die zweite Energieentladung des Strahlers, die direkt auf seinen Kopf zuraste.
Icho Tolot blickte zufrieden auf sein Werk. Perry Rhodan, der Unsterbliche, der Völkermörder, war tot.

07. Juli 1341 NGZ,
eine halbe Stunde später in der Mantarklinik
Kontinent Rotrom, unter der Oberfläche Aralons

„Zaurto hier. Sprechen sie.“
„Sekanpron hier. Haben sie gerade unsere neueste Show gesehen? Sie war gut, aber uns ist leider schon wieder eines unserer „unsterblichen“ Tierchen abhandengekommen. Wir benötigen daher Nachschub für die nächste Sendung. Liefern sie uns bitte ein Rhodan-Tierchen zum üblichen Preis. Haben sie das Aktivator-Problem lösen können?“
„Leider nein, aber es dauert sicher nicht mehr lange. Es ist nicht leicht, einen Zellaktivator zu duplizieren. Einen Terranischen Residenten zu klonen, schon. Die Lieferung geht Morgen raus, ich habe noch einen Rhodan auf Lager. Wohin schicke ich die Ware?“
Wie immer: Trivid-Sender „Perry Rhodan Action“, Quadrant 3, Sendezentrum Blau in Forungs-City.“
Ah, ja. Danke. Das ist ja gleich am Raumhafen. Ich schicke das Tierchen wie gesagt Morgen ab. Einen schönen Tag. Zaurto Ende.“

ENDE

(Urheberrechtlich geschützter Text von Dirk Eickenhorst. Geschrieben 2009. Wiederveröffentlichung ohne Einverständnis des Autors untersagt.)